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Veröffentlicht am 21. Oktober 2026

Epidemiologischer Lagebericht von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) 2025

Im Jahr 2025 wurden in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein 502 Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gemeldet, ein neuer Höchststand seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 1988. Der epidemiologische Lagebericht zeigt die zeitliche, demografische und räumliche Entwicklung der Erkrankung, und ordnet mögliche Einflussfaktoren ein. Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede sowie höhere Melderaten in älteren Altersgruppen.

Einführung

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine durch Zecken übertragene Virusinfektion, die zu schweren neurologischen Erkrankungen führen kann [1]. Erkrankungsfälle werden dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Rahmen der obligatorischen Meldepflicht seit 1988 gemeldet. Die nationale Überwachung dient der Erfassung der zeitlichen, demografischen und räumlichen Entwicklung der Krankheitsfälle. Seit 2014 ist eine deutliche Zunahme der gemeldeten FSME-Fälle zu beobachten. Diese Entwicklung verläuft nicht gleichförmig, sondern ist durch erhebliche jährliche Schwankungen geprägt. Im vorliegenden Bericht bezeichnet der Begriff «FSME-Fälle» alle Meldungen, die gemäss der geltenden Falldefinition (siehe Tabelle 1) als sicher, wahrscheinlich oder möglich klassifiziert wurden. Als «kein Fall» eingestufte sowie nicht klassifizierte Meldungen werden von den Analysen ausgeschlossen, sofern nicht ausdrücklich anders angegeben.

Im Jahr 2025 wurden 502 sichere, wahrscheinliche und mögliche Fälle von FSME gemeldet. Dies entspricht einer Melderate von 5.5 Fällen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Damit lag das Krankheitsvorkommen auf dem höchsten seit Einführung der Meldepflicht beobachteten Niveau.  In der Abbildung 1 sind die Anzahl gemeldeter Fälle und die Melderaten seit Beginn der Überwachung im Jahr 1988 ersichtlich.

Die Entwicklung wird durch mehrere Faktoren beeinflusst: demografische, räumliche, Umwelt- und verhaltensbezogene Veränderungen der Exposition sowie Veränderungen der diagnostischen und klinischen Erfassung. Die vorliegende epidemiologische Lagebeurteilung ordnet diese Einflussbereiche getrennt ein und führt sie anschliessend zu einer Gesamtbeurteilung zusammen.

Internationaler Vergleich

Auch in der Europäischen Union (EU) wird eine Zunahme der Fälle von FSME beobachtet [2]. Die durchschnittliche Melderate für FSME in der EU liegt jedoch auf einem deutlich tieferen Niveau. Im Jahr 2024 betrug die Melderate von sicheren Fällen in der gesamten EU 0,81 pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner [3]. Ein direkter Vergleich mit der Schweiz ist jedoch nur eingeschränkt möglich, da die Schweizer Melderate neben sicheren auch wahrscheinliche und mögliche Fälle umfasst. Die Melderaten unterscheiden sich deutlich zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten. In den direkten Nachbarländern der Schweiz und Liechtensteins betrug sie im Jahr 2024 0,08 pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner in Frankreich, 0,10 in Italien, 0,81 in Deutschland und 1,78 in Österreich [3]. Höhere Melderaten wurden unter anderem in Schweden (3,64), Slowenien (4,24), Estland (5,09) und Tschechien (5,71) beobachtet [3].

Datenqualität

Die Klassifizierung eines FSME-Falls basiert auf einer Kombination aus klinischen, laboranalytischen und/oder epidemiologischen Kriterien. Ein positiver Laborbefund ist nicht in jedem Fall mit einer klinisch manifesten FSME gleichzusetzen. Für die abschliessende Klassierung einer Meldung, die sogenannte Fallklassierung, sind deshalb neben dem Laborbefund auch Angaben zu den Manifestationen, zum Krankheitsverlauf und zum Impfstatus erforderlich [4]. Die seit 2013 geltende Falldefinition und die dazugehörigen Klassifikationskriterien sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

Tabelle 1: Falldefinition und Fallklassifikation von FSME für die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein, seit 2013.

Im Jahr 2025 machten die Kategorien «wahrscheinlich» und «möglich» einen erheblichen Teil der gemeldeten FSME-Fälle aus (Abbildung 2). Zudem hat die Zahl der nicht klassifizierten Fälle zugenommen, während die Zahl der als «kein Fall» klassifizierten Meldungen zurückging. Diese Klassierung spiegelt die Kombination aus Laborbefunden und verfügbaren klinischen Angaben wider. So kann ein Fall bei einmaligem IgM-Nachweis im Serum und erfüllten klinischen Kriterien höchstens als «wahrscheinlich» klassifiziert werden. Liegen keine klinischen Angaben vor, wird derselbe Laborbefund lediglich als «möglicher Fall» eingestuft.

Abbildung 3 zeigt, dass der Anteil der Meldungen mit unzureichenden klinischen Angaben im Jahr 2025 auf einem erhöhten Niveau lag. Bei der Interpretation der epidemiologischen Lage ist zu berücksichtigen, dass sich die gemeldeten Fälle hinsichtlich der Vollständigkeit der klinischen Angaben und damit der Sicherheit ihrer Fallklassifikation unterscheiden.

Geschlechter- und Altersverteilung

Wie bereits seit Beginn der Überwachung waren auch im Jahr 2025 Männer häufiger von FSME betroffen als Frauen. Insgesamt entfielen 57 % der gemeldeten Fälle auf Männer und 43 % auf Frauen. Die Melderate betrug 6,37 Fälle pro 100 000 Männer gegenüber 4,68 Fällen pro 100 000 Frauen. Das mediane Alter aller gemeldeten Fälle, unabhängig vom Geschlecht, lag bei 51 Jahren.

Die altersspezifischen FSME-Melderaten zeigen ausgeprägte Unterschiede zwischen den Altersgruppen (Abbildung 4). Insgesamt steigen die Melderaten mit zunehmendem Alter, wobei die altersspezifischen Raten im Zeitverlauf erheblichen jährlichen Schwankungen unterliegen. Der in den vergangenen Jahren beobachtete Anstieg der Melderaten betraf vor allem die Altersgruppen der 40- bis 64-Jährigen sowie der Personen ab 65 Jahren. Im Jahr 2025 lag die Melderate der 40- bis 64-Jährigen erstmals seit 2018 wieder über jener der Personen ab 65 Jahren. Demgegenüber gingen die Melderaten in den Altersgruppen der 0- bis 5-Jährigen und der 15- bis 19-Jährigen gegenüber den Vorjahren zurück.

Die Analyse der Melderate nach Alter und Geschlecht zeigt, dass Männer in allen Altersgruppen höhere Melderaten aufweisen als Frauen (Abbildung 5). Die höchste Melderate wurde 2025 bei Männern ab 65 Jahren beobachtet; sie betrug 9,68 Fälle pro 100 000 Männer dieser Altersgruppe. Es folgten die 40- bis 64-jährigen Männer mit einer Melderate von 7,59 pro 100 000. Bei den Frauen wiesen dagegen die 40- bis 64-Jährigen mit 6,55 Fällen pro 100 000 Frauen die höchste Melderate auf. Die niedrigste Melderate wurde bei den 15- bis 19-jährigen Frauen mit 0,91 Fällen pro 100 000 beobachtet.

Räumliche Verteilung & Umweltfaktoren

In Tabelle 2 sind die jährlichen FSME-Fallzahlen und Melderaten pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner für die Schweiz, das Fürstentum Liechtenstein und die einzelnen Kantone für die Jahre 2021–2025 dargestellt. Für die Jahre 2021–2024 wurden die jeweiligen jahresspezifischen Bevölkerungsdaten des Bundesamtes für Statistik (BFS) verwendet. Da die Bevölkerungsdaten für 2025 zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht verfügbar waren, wurden die Melderaten für 2025 auf Grundlage der Bevölkerung des Jahres 2024 berechnet.

Im Jahr 2025 lagen die kantonalen Melderaten zwischen 0,18 (GE) und 13,1 (UR) Fällen pro 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Melderaten unterscheiden sich damit deutlich zwischen den Kantonen und schwanken teilweise auch innerhalb eines Kantons von Jahr zu Jahr. Insbesondere in kleineren Kantonen kann bereits eine geringe Veränderung der Fallzahl zu erheblichen Schwankungen der Melderate führen. Einzelne Jahreswerte sind deshalb mit entsprechender Vorsicht zu interpretieren. Über den betrachteten Zeitraum wiesen insbesondere Graubünden (GR), St. Gallen (SG) und Thurgau (TG) wiederholt höhere Melderaten auf als der nationale Durchschnitt.

Zur Einordnung der regionalen Unterschiede wurden die beobachteten Fallzahlen für den Zeitraum 2005–2025 mit den modellbasiert erwarteten Fallzahlen verglichen (Abbildung 6). Die relativen Risiken wurden mittels eines Empirical-Bayes-Verfahrens geschätzt, wodurch insbesondere bei kleinen Fallzahlen zufällige Schwankungen reduziert werden. Ein relatives Risiko von 1 entspricht der modellbasierten Erwartung. Werte über 1 zeigen an, dass mehr Fälle beobachtet wurden als erwartet; Werte unter 1 weisen auf weniger Fälle als erwartet hin.

Erhöhte relative Risiken zeigten sich insbesondere in Appenzell Ausserrhoden (AR), Graubünden (GR), Thurgau (TG) und Uri (UR). Die räumliche Verteilung allein erlaubt jedoch keine Aussage über die zugrunde liegenden Ursachen. Regionale Unterschiede können unter anderem mit dem Expositionsrisiko, der Impfabdeckung, der diagnostischen Praxis, der Meldevollständigkeit oder weiteren demografischen und ökologischen Faktoren zusammenhängen. Da die räumliche Zuordnung nach dem Wohnkanton erfolgt, entspricht sie zudem nicht zwingend dem wahrscheinlichen Ort der Infektion.

Saisonalität

Das saisonale Muster der vergangenen Jahre zeigte sich auch im Jahr 2025. Im Sommer wurden mehr FSME-Fälle gemeldet als im Winter [2]. Die höchsten Fallzahlen wurden zwischen Mai bis August verzeichnet (Abbildung 7). Wie bereits im Jahr 2024 setzte der saisonale Anstieg auch im Jahr 2025 früher ein und die Phase erhöhter Fallzahlen dauerte länger an. Der Höhepunkt lag, wie in den meisten Jahren, im Juni. Mit 133 gemeldeten Fällen wurde der Höchstwert des Vorjahres (91 Fälle im Juni 2024) deutlich überschritten. Die monatliche Fallverteilung der letzten Jahre weist insgesamt auf eine Verlängerung der FSME-Saison hin.

Veränderungen der Saisonalität können mit der jahreszeitlichen Zeckenaktivität, Wetterbedingungen, Vegetationsentwicklung und dem Freizeit - beziehungsweise Expositionsverhalten der Bevölkerung zusammenhängen.

Impfung & Prävention

Eine Analyse des Impfstatus gemeldeter FSME-Fälle zeigt, dass ungeimpfte Personen weiterhin den grössten Anteil der gemeldeten FSME-Fälle mit bekanntem Impfstatus ausmachen (Abbildung 8). Im Jahr 2025 wurden insgesamt 502 FSME-Fälle gemeldet. Unter den 329 Fällen mit bekanntem Impfstatus waren 288 (88 %) ungeimpft, während bei 41 Fällen mindestens eine Impfdosis dokumentiert war. Bei 173 Fällen (34% aller FSME-Meldungen) war der Impfstatus unbekannt. Der hohe Anteil fehlender Angaben schränkt die Interpretation der Verteilung nach Impfstatus ein. Zudem kann aus der Verteilung des Impfstatus unter den gemeldeten Fällen allein keine Aussage zur Impfwirksamkeit abgeleitet werden.

Die Anzahl der Dosen allein erlaubt zudem keine abschliessende Beurteilung, ob ein tatsächlicher Impfdurchbruch vorlag. Hierfür müssten zusätzlich die zeitlichen Abstände zwischen den Impfungen, der Zeitpunkt der letzten Dosis sowie die diagnostische Sicherheit des Falles berücksichtigt werden. Da diese Angaben im Rahmen der Meldepflicht nicht systematisch erhoben werden, ist eine abschliessende Beurteilung möglicher Impfdurchbrüche auf Grundlage der Meldedaten nicht möglich.

Schlussfolgerung

Die epidemiologische Lage der FSME in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein war im Jahr 2025 durch einen neuen Höchststand der gemeldeten Fälle und die Fortsetzung des seit mehreren Jahren beobachteten Aufwärtstrends geprägt. Die Krankheitslast war dabei ungleich verteilt: Männer waren häufiger betroffen als Frauen, und die höchsten Melderaten traten in den älteren Altersgruppen auf. Gleichzeitig zeigten sich deutliche regionale Unterschiede, wobei einzelne Kantone überdurchschnittlich stark betroffen waren. Unter den Fällen mit bekanntem Impfstatus war die grosse Mehrheit ungeimpft.

Der beobachtete Anstieg der FSME-Fälle lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass der Anstieg zumindest teilweise eine tatsächliche Zunahme der FSME-Erkrankungsfälle widerspiegelt. Die Einordnung des Ausmasses und möglicher Einflussfaktoren wird jedoch durch den bei einzelnen Indikatoren, insbesondere beim Impfstatus und bei den klinischen Angaben, hohen Anteil fehlender Informationen erschwert. Gleichzeitig können Veränderungen der Umwelt- und Klimabedingungen zu einer längeren Aktivitätsperiode von Zecken und damit zu einer verlängerten Expositionsperiode beitragen, was die epidemiologische Entwicklung zusätzlich beeinflussen kann.

FSME bleibt damit eine für die öffentliche Gesundheit relevante Erkrankung in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Die Impfung, eine zielgruppengerechte Kommunikation und Sensibilisierung der Bevölkerung sowie eine kontinuierliche und qualitativ hochwertige Meldepraxis bleiben die zentralen Massnahmen zur Beurteilung der weiteren Entwicklung und Bekämpfung.

Weitere Informationen

Referenzen

Weitere Ressourcen

Bundesamt für Gesundheit BAG

Abteilung Übertragbare Krankheiten
Schwarzenburgstrasse 157
Schweiz - 3003 Bern