Was sind die Auswirkungen eines radiologischen Notfalls?
Die Folgen eines radiologischen Notfalls hängen davon ab, wie viel und welche Art von Radioaktivität freigesetzt wurde. Die Strahlung kann den Körper direkt schädigen – zum Beispiel durch Strahlenkrankheit oder durch die Entstehung von Krebs in der Folgezeit. Auch die Umwelt kann beeinträchtigt werden, etwa durch Kontaminationen in Boden, Wasser oder Pflanzen. Ausserdem können solche Ereignisse Menschen psychisch stark belasten.
Auswirkungen auf die Menschen
Ein radiologischer Notfall kann sich unmittelbar auf die Gesundheit der Menschen auswirken oder auch langfristige gesundheitliche Folgen haben. Darüber hinaus kann die psychische Gesundheit stark beeinträchtigt werden – dies betrifft auch Personen, die physisch überhaupt nicht von der Auswirkung eines radiologischen Notfalls betroffen sind, jedoch unter Ängsten und Unsicherheiten leiden (Worried Well).
Unmittelbare Auswirkungen auf die Gesundheit (deterministische Schäden)
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass bei einem radiologischen Notfall für die allgemeine Bevölkerung eine Gefahr durch direkte Strahlenschäden besteht. Solche Gefahren können jedoch für Personen entstehen, die in spezifischen Bereichen arbeiten – beispielsweise in einer Kernanlage. Die Schweiz ist auf die Behandlung stark bestrahlter Personen vorbereitet und verfügt über die entsprechenden Einrichtungen und das Fachwissen zu den geeignetsten Behandlungsmethoden. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auf folgender Seite:
Wie werden bestrahlte Personen behandelt?
Mögliche langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit (stochastische Schäden)
Wenn radioaktive Stoffe freigesetzt werden, kann die Strahlenbelastung für die Bevölkerung steigen. Dies wirkt sich nicht unmittelbar auf die Gesundheit der Menschen aus, führt also nicht zu direkt wahrnehmbaren Symptomen, kann aber langfristig das Risiko von Krebserkrankungen erhöhen. Besonders betroffen sind vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Jugendliche und Schwangere. Die ersten Schutzmassnahmen müssen deshalb möglichst schnell getroffen werden und zielen darauf ab, diese langfristigen (stochastischen) Strahlenschäden zu minimieren.
Geeignete Schutzmassnahmen sind zum Beispiel, vorübergehend im Haus zu bleiben, wenn eine radioaktive Wolke vorbeizieht, oder keine Lebensmittel aus dem Garten zu essen. Für die betroffenen Regionen muss geprüft werden, auf welche Weise der Kontakt mit den radioaktiven Stoffen erfolgt, ob also die Strahlung hauptsächlich von aussen auf den Körper wirkt oder ob radioaktive Stoffe in den Körper gelangen.
Die Schutzmassnahmen werden laufend an die aktuelle Situation angepasst. Es gilt das Grundprinzip, dass eine Schutzmassnahme mehr nützen als schaden soll. Zum Beispiel dürfen die Massnahmen keine unverhältnismässig negativen Auswirkungen auf andere Lebensbereiche, etwa die Wirtschaft, haben. Weitere Informationen finden Sie auf folgender Seite:
Wirkung von Strahlung auf die Gesundheit
Psychosoziale Folgen eines Notfalls
Neben den körperlichen Auswirkungen müssen auch die psychosozialen Folgen eines radiologischen Notfalls berücksichtigt und mit geeigneten Massnahmen gemildert werden. Ein solch weitreichendes, dramatisches Ereignis, das Einzelpersonen, deren Familien und das ganze gesellschaftliche Umfeld betreffen kann, löst häufig Stress und Angst aus. Die unsichere Situation kann quälend wirken und psychische Symptome hervorrufen, die nicht direkt auf die Wirkung der Strahlung zurückzuführen sind. Diese psychischen Belastungen können sogar schwerer wiegen als die Beeinträchtigung der körperlichen Gesundheit.
Deshalb müssen Unterstützungsangebote für Personen, die psychologische Hilfe benötigen, vorhanden sein. Zum Beispiel braucht es Beratungsstellen und Hotlines, die auf diese besonderen Bedürfnisse vorbereitet sind. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sie auf der entsprechenden Seite der WHO:
Mental health in emergencies (who.int)
Auswirkungen auf die Umwelt
Bei einem radiologischen Notfall wird neben dem Menschen auch die Umwelt in Mitleidenschaft gezogen. Da Mensch und Umwelt in Wechselwirkung stehen, kommt es zu einer gegenseitigen Beeinflussung. Zudem spielen die vorherrschenden Wetterbedingungen eine massgebliche Rolle bei der Ausbreitung radioaktiver Stoffe.
Tiere:
Tiere sind grundsätzlich auf die gleiche Weise wie Menschen von einem radiologischen Ereignis betroffen. Da sie vorwiegend im Freien leben und sich von dort vorkommenden Tieren oder Pflanzen ernähren, sind sie der Kontamination direkt ausgesetzt. Bei Nutztieren besteht die Gefahr, dass sie die radioaktiven Stoffe über produzierte Lebensmittel wie Milch oder Eier und auch direkt über ihr Fleisch an den Menschen weitergegeben. Diese Kontaminationsketten müssen erkannt und gegebenenfalls unterbrochen werden.
Die Aufnahme (Inkorporation) radioaktiver Stoffe durch Tiere kann auch lange nach dem Ereignis erfolgen, da sich die Stoffe im Boden anreichern und erst später durch Pflanzen in die Nahrungskette gelangen. So lässt sich beispielsweise noch heute Cäsium-137 aus dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl 1986 im Fleisch von Wildschweinen nachweisen, das sie über Wildpilze aufgenommen haben. Siehe auch:
Tschernobyl: Der Unfall von 1986
Pflanzen:
Die kurzfristige Aufnahme radioaktiver Stoffe durch Pflanzen erfolgt hauptsächlich über die Luft, vor allem wenn die Stoffe gasförmig sind (z.B. Jod-131). Längerfristig erfolgt die Aufnahme über die Wurzeln im Boden. Pflanzen können noch Jahre nach dem Ereignis radioaktive Stoffe aufnehmen. Dies muss besonders bei Nutzpflanzen beachtet werden.
Umwelt:
Freigesetzte radioaktive Stoffe können Gewässer und Böden direkt kontaminieren. In der Regel sind vor allem die obersten Bodenschichten betroffen. Sie können die Stoffe binden und dadurch verhindern, dass diese in das Grundwasser gelangen. Tonhaltige Böden, wie beispielsweise Ackerböden, binden Cäsium-137 sehr gut und verhindern dadurch die Aufnahme durch Pflanzen. In weniger tonhaltigen Waldböden jedoch kann das Cäsium-137 noch lange nach dem Ereignis von Pflanzen gut aufgenommen werden.
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Bundesamt für Gesundheit BAG
Sektion Radiologische Risiken
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