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Tschernobyl: 40 Jahre nach dem Atomunfall – welche Spuren hat er in der Schweiz hinterlassen?

Vor 40 Jahren wurde durch den Unfall von Tschernobyl sehr viel Radioaktivität in die Luft freigesetzt. Ganz Europa, einschliesslich der Schweiz, war davon betroffen. Das BAG überwacht heute die Radioaktivität in der Umwelt mit verbesserten Systemen sehr genau, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Zum Beispiel mit Europas höchster Radioaktivitäts-Messstation auf dem Jungfraujoch.

Am 26. April 1986 führten die Explosion und der Brand im Reaktor Nr. 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl zu massiven Freisetzungen von Radioaktivität in die Atmosphäre. Die Luftmassen transportierten diese Radioaktivität anschliessend über weite Teile Europas. Der Grossteil der Radioaktivität lagerte sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, Weissrusslands und der Russischen Föderation ab. Ein Teil der Wolke zog jedoch nach Westen und erreichte die Schweiz am 30. April 1986. Sie wurde um 2 Uhr morgens an der Messstation Weissfluhjoch bei Davos und um 15 Uhr desselben Tages in Freiburg nachgewiesen.

Überwachung heute: Wachsamkeit ist weiterhin geboten

Die Gefahr eines radiologischen Ereignisses, das zu einer Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt führen könnte, ist nicht gebannt. Das aktuelle geopolitische Umfeld, geprägt vom Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten, macht deutlich, dass sich die Risiken nicht auf Unfälle in einem Kernkraftwerk beschränken. Böswillige Handlungen oder Angriffe auf kerntechnische Anlagen oder damit verbundene Infrastrukturen können ebenfalls potenzielle Quellen für eine Freisetzungen von Radioaktivität darstellen.

Um einen ungewöhnlichen Anstieg der Radioaktivität in der Umwelt rasch zu erkennen, verfügt die Schweiz über ein umfassendes und modernes Überwachungssystem. Seit 2018 betreiben wir das automatische Messnetz für Radioaktivität in der Luft URAnet aero, ergänzt durch Hochvolumenluftfilter, mit denen sich selbst Spuren von Radionukliden in der Atmosphäre nachweisen und quantifizieren lassen.

Seit 2025 wird das Überwachungsdispositiv durch eine neue Messstation in der Forschungsstation auf dem Jungfraujoch verstärkt, in über 3400 m Höhe in der freien Troposphäre. Dieser in Europa einzigartige Standort ermöglicht es, selbst geringste Radioaktivitätskonzentrationen, auch von Quellen aus dem Ausland, rasch zu erkennen: Europas höchste Radioaktivitäts-Messstation auf dem Jungfraujoch.

Die Situation in der Schweiz nach dem radioaktiven Niederschlag

Ab dem 30. April 1986 führten Niederschläge zu radioaktiven Ablagerungen auf dem Boden, zunächst in der Ostschweiz und in geringerem Masse im Waadtländer Jura. Ab dem 3. Mai wurden weitere, starke Ablagerungen im Tessin und in den südlichen Tälern Graubündens beobachtet. Die Unterschiede in der Stärke der Niederschläge führten zu einer ungleichmässigen Kontamination des Bodens, wie Abbildung 1 für Cäsium-137 zeigt.

Jod-131 wurde ebenfalls abgelagert, insbesondere durch trockene Deposition, was zur Aufnahme in die Nahrungskette beitrug.

carte suisse Cs-137 1986

In der Schweiz wurde nach dem Durchzug der radioaktiven Wolke und den Ablagerungen von Radioaktivität auf dem Boden ein deutlicher Anstieg der Umgebungsstrahlung (Ortsdosisleistung) beobachtet. Die kurzlebigen Radionuklide, insbesondere Jod-131 (Halbwertszeit von 8 Tagen), verschwanden jedoch relativ schnell, innerhalb weniger Wochen. Das führte im Laufe des Sommers 1986 zu einer allmählichen Abnahme der Strahlenbelastung, wie Abbildung 2 zeigt. Danach verlangsamte sich der Rückgang der Kontamination, da die Halbwertszeiten der nun dominierenden Cäsiumisotope länger sind, insbesondere die von Cäsium-137 (30 Jahre), das bis heute nachweisbar ist.

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Um Massnahmen und Verhaltensempfehlungen zu beschliessen und der besorgten Bevölkerung fundierte Informationen zu liefern, stützten sich die Behörden auf die Messwerte in den verschiedenen Umweltkompartimenten (Luft, Boden, Pflanzen und Lebensmittel) sowie deren zeitlichen Entwicklung zwischen Anfang Mai 1986 und Ende 1987 (siehe Die Kontamination von Lebensmitteln in der Schweiz nach dem Unfall von Tschernobyl, 1986 sowie Referenz BAG, 1986).

Cäsium-137 – eine langfristige Kontamination

Die Überwachung der radioaktiven Kontamination wurde seit dem Unfall fortgesetzt. Die 2006 veröffentlichten Ergebnisse und Erkenntnisse (BAG, 2006) behalten auch heute noch weitgehend ihre Gültigkeit. Die Messungen zeigen, dass Cäsium-137 auch vierzig Jahre nach dem Unfall in der Umwelt noch nachweisbar ist, insbesondere im Tessin, der am stärksten vom sogenannten Fallout (radioaktiver Niederschlag) betroffenen Region. In Böden und in bestimmten Lebensmitteln können immer noch geringe Konzentrationen dieses Radionuklids gemessen werden. Sogar in der Luft wird Cäsium-137 vereinzelt noch festgestellt, insbesondere im Winter aufgrund der Aufwirbelung von Bodenpartikeln oder der Verbrennung von kontaminiertem Holz.

Belastung von Wildschweinen: eine spezielle Geschichte

Einige im Tessin erlegte Wildschweine können noch immer Cäsium-137 Konzentrationen von mehreren tausend Becquerel pro Kilogramm aufweisen. Der zeitliche Verlauf der Kontamination der Wildschweine war überraschend: Die im Fleisch gemessenen Konzentrationen stiegen in den Jahrzehnten nach dem Unfall schrittweise an und sind auch heute noch auf einem sehr hohen Niveau.

Diese Situation lässt sich durch das Verhalten von Cäsium in der Umwelt erklären. Mit der Zeit wandert dieses Radionuklid langsam in tiefere Bodenschichten. Dort kann es von bestimmten Arten unterirdisch wachsender Pilze aufgenommen werden, insbesondere von den «Hirschtrüffeln», die in etwa zehn Zentimetern Tiefe wachsen und Cäsium besonders stark anreichern. Diese Pilze für den Menschen ungeniessbaren Pilze sind eine Leibspeise der Wildschweine, was die hohen Konzentrationen in ihrem Fleisch erklärt.

Eine systematische Kontrolle der Radioaktivität von im Kanton Tessin erlegten Wildschweinen wurde 2013 vom kantonalen Veterinärdienst in Zusammenarbeit mit dem BAG eingeführt. Durch eine Triagemessung direkt nach der Jagd können Tiere beim Überschreiten eines Schwellenwertes sofort beschlagnahmt und entsorgt werden. Fleischproben von beschlagnahmten Tieren werden anschliessend zusätzlich im Labor gemessen, um zu bestätigen, dass der seit 2017 in der Tschernobyl-Verordnung festgelegte Grenzwert für Cäsium-137 von 600 Bq/kg tatsächlich überschritten ist. Im Jahr 2015 wurde im Fleisch eines im Tessin erlegten Tieres ein Rekord von 9'900 Bq/kg Cäsium-137 gemessen. Mit Ausnahme dieses Falls liegen die Höchstkonzentrationen seit 2013 in der Regel zwischen 3 000 und 5 000 Bq/kg. Der Anteil der beschlagnahmten Tiere blieb im Zeitraum 2013 bis 2025 relativ stabil bei 2,5 bis 5 %.

Massnahmen und Empfehlungen zur Begrenzung der Exposition

Dank den Probenahmen und Messungen lag rasch eine Einschätzung der radiologischen Lage vor. In der Schweiz wurden für die Bevölkerung keine strengen Sofortmassnahmen angeordnet. Das einzige Verbot betraf das Fischen im Luganersee, das im Herbst 1986 erlassen wurde. Ab Anfang Mai wurden aber Verhaltensempfehlungen herausgegeben, um die Strahlenbelastung, insbesondere durch Jod-131, zu begrenzen: kein Wasser aus Zisternen trinken, Schafsmilch und deren Produkte meiden, im Freiland angebautes Gemüse waschen und bestimmte Gemüsesorten schälen. Für Kinder unter zwei Jahren, schwangere und/oder stillende Frauen wurde zudem empfohlen, bis Mitte Mai auf den Verzehr von frischer Kuhmilch, Salaten und frischem Gemüse zu verzichten. Diese Empfehlungen zielten in erster Linie darauf ab, die Belastung der Schilddrüse durch radioaktives Jod zu verringern.

Die gesundheitlichen Auswirkungen für die Schweizer Bevölkerung

Die durchschnittliche effektive Dosis für die Schweizer Bevölkerung infolge der Katastrophe von Tschernobyl wird auf 0,5 mSv geschätzt, wobei die Werte bei den am stärksten exponierten Personen, die sich nicht an die Empfehlungen gehalten hatten, bis zu 5 mSv betragen konnten (BAG, 1987). Die Strahlendosis wurde hauptsächlich durch den Verzehr von Lebensmitteln verursacht, die mit den beiden Cäsiumisotopen sowie mit Jod-131 kontaminiert waren.

Bei dieser Strahlendosis konnten keine direkten gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung in der Schweiz festgestellt werden. Mit Hilfe des Risikofaktors der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) wurde später eine theoretische Schätzung der zusätzlichen Krebstodesfälle in der Schweiz gemacht, die auf die Strahlenexposition der Bevölkerung nach dem Unfall von Tschernobyl zurückzuführen sind (BAG, 1987). Diese Schätzung basiert auf einer linearen Extrapolation der Risiken von hohen auf niedrige Dosen und wird allgemein als konservativ angesehen. Sie ergibt als Folge des Unfalls eine Zahl von 200 zusätzlichen Krebstoten in der Schweiz innerhalb von 80 Jahren. Allerdings lässt sich ein solcher Anstieg in Anbetracht der grossen Gesamtzahl aller Krebsfälle epidemiologisch kaum nachweisen. Auf internationaler Ebene sind die Publikationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2006, 2016) und des United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiations (UNSCEAR, 2008, 2017, 2024) bis heute die Referenz zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Unfalls von Tschernobyl.

Referenzen

  • BAG, 1986: «Verstrahlungslage in der Schweiz nach dem Unfall in Tschernobyl». Bundesamt für Gesundheitswesen. (pdf siehe unter 'Dokumente')
  • BAG, 1987: «Tschernobyl: Ermittlung der Strahlendosis und ihre Problematik. Studie der Expertengruppe Dosis-Wirkung zu Handen der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz». Bundesamt für Gesundheitswesen, Juni 1987. (pdf siehe unter 'Dokumente')
  • BAG, 2006: «20 Jahre seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl Die Auswirkungen auf die Schweiz». (pdf siehe unter 'Dokumente')
  • WHO, 2006. Health effects of the Chernobyl accident and special health care programmes. World Health Organization. https://iris.who.int/handle/10665/43447
  • WHO, 2016 : 1986-2016: Chernobyl at 30. World Health Organization. https://www.who.int/publications/m/item/1986-2016-chernobyl-at-30
  • UNSCEAR 2008 Report: Sources and effects of ionizing radiation. In: United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic radiation. Report of the General Assembly, New York, United Nations; Annex D: Health effects due to radiation from the Chernobyl accident. (www.unscear.org)
  • UNSCEAR 2017 White Paper: Evaluation of data on thyroid cancer in regions affected by the Chernobyl accident. United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic radiation. New York, 2018. (www.unscear.org)
  • UNSCEAR 2024 Report: Sources, effects and risks of ionizing radiation. United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic radiation. United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic radiation. Volume II, Annex B: Evaluation of public exposure to ionizing radiation. (Including a summary of the Chornobyl accident pp. 153-156). (www.unscear.org)

Weitere Informationen

Bundesamt für Gesundheit BAG

Abteilung Strahlenschutz
Sektion Umweltradioaktivität
Schwarzenburgstrasse 157
Schweiz - 3003 Bern