Grundversorgung auf mehr Schultern verteilen
Luzern – Referat von Anne Lévy, Direktorin BAG, anlässlich der Trendtage Gesundheit 2026: «Grenzen-Losigkeit – Grenzen ziehen – verschieben – überwinden». Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrte Damen und Herren
Geschätzte Anwesende
Was mich an den Trendtagen Gesundheit immer wieder beeindruckt, ist die Themenwahl. Nebst dem vielseitigen Programm, der professionellen Moderation und den guten Gesprächen. Kurz gesagt: Ich freue mich sehr, hier zu sein.
Bei meinen Ausführungen geht es heute um die «Agenda Grundversorgung». Dabei steht die Frage im Zentrum: Wie stellen wir eine gute, medizinische Grundversorgung für alle Menschen, in allen Regionen der Schweiz sicher? – Vielleicht sind Sie selbst hier schon an Grenzen gestossen: Als Sie eine neue Hausärztin gesucht haben. Oder einen dringenden Termin bei einem Psychotherapeuten.
Fachkräftemangel verschärft sich
Es gibt gleich drei, zentrale Herausforderungen: Erstens: die steigende Nachfrage und die demografische Entwicklung: Das Gesundheitsbewusstsein steigt. Gerade auch bei jungen Menschen. Das ist positiv! Gleichzeitig scheint damit aber auch die Sorge um die eigene Gesundheit zu wachsen. Und damit das Bedürfnis nach raschem Zugang zu professioneller Hilfe, noch bevor ernsthafte Symptome auftreten.
Zudem wird es in 30 Jahren voraussichtlich doppelt so viele über 80-Jährige geben, wie heute. Rund eine Million Menschen werden damit möglicherweise auf medizinische Betreuung angewiesen sein. Ein gesunder Lebensstil kann chronische Krankheiten oder Pflegebedürftigkeit verhindern oder hinauszögern. Aber manchmal hat man auch einfach nur Pech. Oder nicht genügend Wissen und Möglichkeiten, um gut genug auf seine Gesundheit achten zu können.
Die zweite grosse Herausforderung: der Fachkräftemangel. Während der Bedarf an medizinischer Betreuung also zunimmt, gehen in den nächsten Jahren gleichzeitig viele Haus- und Kinderärztinnen, Psychotherapeuten, Psychiaterinnen und Pflegefachleute in Pension. Und diejenigen die nachrücken, arbeiten – oft bewusst – weniger als frühere Generationen. All das führt dazu, dass sich der Fachkräftemangel weiter verschärft.
Und Drittens: die regional grossen Unterschiede bei der Versorgung. Ländliche Regionen haben schon heute recht Mühe, eine gute Versorgung sicherzustellen: Hier ein Dorf, wo es nach der Pensionierung des Hausarztes keine Nachfolge gibt. Da eine Gemeinschaftspraxis, die sehr geschätzt wird, aber immer wieder lange Vakanzen hat, bis eine Stelle besetzt werden kann. Und dort ein Spital, das schliesst. Die Folge: In ländlichen Regionen sind bei uns inzwischen nur noch halb so viele Grundversorger tätig, wie in städtischen Gebieten. Es gibt also ernsthafte Probleme zu lösen.
Was tun?
Wir müssen über die Grenzen der bisherigen Rollen und Kompetenzen hinausdenken und die Zusammenarbeit weiter stärken. Dazu hat Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider im November 2024 die «Agenda Grundversorgung» lanciert. Diese hat zum Ziel, dass alle Menschen weiterhin Zugang zu einer guten Grundversorgung haben: unabhängig davon, ob man arm oder reich ist – und in allen Regionen der Schweiz.
Um diese Ziele zu erreichen, setzt die «Agenda Grundversorgung» auf zwei «Hebel»:
- Erstens, die Last auf mehr Schultern verteilen: mit innovativen Modellen, angepassten Aufgaben und Kompetenzen und passenden Rahmenbedingungen.
- Zweitens, Massnahmen umsetzen, um die Berufe der medizinischen Grundversorgung attraktiv zu behalten, beziehungsweise attraktiver zu machen.
Entlang dieser Eckwerte haben vergangenes Jahr Vertreterinnen und Vertreter von über 50 Organisationen ihre Expertise eingebracht. Und viele verschiedene Massnahmen erarbeitet. Ein Fachbericht, der im Dezember publiziert wurde, fasst sie zusammen. Sie betreffen teils Bund, Kantone oder Gemeinden, aber auch die Aufgabenbereiche von Fachverbänden, Beratungsstellen und weiteren wichtigen Akteuren unseres Gesundheitswesens. Womit auch klar ist: Die Stärkung der Grundversorgung schaffen wir nur gemeinsam!
Beispiele konkreter Lösungsansätze
Ich möchte Ihnen gern drei Themenbereiche etwas näher ausführen, die im Rahmen der «Agenda Grundversorgung» angepackt werden sollen.
Ein Lösungsansatz besteht darin, die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen. Innerhalb von Gesundheitseinrichtungen. Wie beispielsweise in einer Arztpraxis, einem Pflegeheim oder bei der Spitex. Selbstverständlich bei gleich guter Qualität.
Dafür werden die zuständigen Fachverbände zusammen ausloten, welche medizinischen Aufgaben neu von anderen Gesundheitsfachpersonen übernommen werden könnten, anstatt – wie bisher – ausschliesslich vom Hausarzt oder der Kinderärztin selbst. Hier gibt es bereits vielversprechende Modelle: In einer Berner Praxis teilen sich beispielsweise ein Arzt und eine Praxiskoordinatorin die Betreuung von Diabetes-Patientinnen und Patienten, die an einem «Chronic Care Management»-Programm teilnehmen.
Die Praxiskoordinatorin begleitet das Verhaltenscoaching und damit rund zwei Drittel des gesamten Programms. Wenn sich der Gesundheitszustand aber plötzlich verschlechtert oder die Medikation angepasst werden muss, ist der Arzt zuständig. Der Informationsfluss läuft digital. So wissen alle involvierten Gesundheitsfachpersonen stets, wie es den Patientinnen und Patienten geht – und welche Therapien oder Medikamente neu verordnet wurden.
Die «Agenda Grundversorgung» will das nun systematisch vertiefen und genau hinschauen, welche Kompetenzen je weiterentwickelt oder geschärft werden könnten. Damit das greift, müssen die Fachverbände die entsprechenden Kompetenzen dann auch in den jeweiligen Bildungserlassen anpassen. So haben beispielsweise die FMH und der Verband Medzinischer Praxisfachpersonen (SVA) Bereitschaft signalisiert, die Rolle der medizinischen Praxisassistentinnen weiterzuentwickeln und so gemeinsam zu stärken.
Das ist wichtig für den Erfolg der «Agenda Grundversorgung»: Die Zuständigen bringen die Lösungen selbst ein und übernehmen auch Verantwortung bei der Umsetzung.
Ähnliche Vorschläge gibt es bei der Pflege: So steht im Rahmen der Pflege-Initiative auch die Stärkung der «Advanced Practice Nurses» (APN) im Fokus. Das Gesundheitsberufegesetz soll diesen Beruf neu schweizweit regeln und auch die Abschlusskompetenzen definieren. Ergänzend dazu prüft der Bundesrat aktuell, ob und wie bestimmte APN-Tätigkeiten künftig über die Krankenkasse abgerechnet werden können. Damit kann die APN in Zukunft Aufgaben übernehmen, die das Gesundheitssystem entlasten. Sei es beispielsweise, indem eine APN das Case-Management in komplexen Pflegesituationen eigenständig übernimmt oder dass sie interprofessionelle Teams so führt und weiterentwickelt, dass es gelingt, die Versorgung auf mehr Schultern zu verteilen.
Auch bei einem zweiten Lösungsansatz geht es darum, die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen. Wir müssen uns aber bewusst sein: Allein auf Praxen und andere Gesundheitseinrichtungen zu fokussieren, reicht nicht. Es braucht auch Überlegungen dazu, wie die Arbeit innerhalb des Gesundheitssystems auf mehr Schultern verteilt werden kann. Gemeint sind vor allem Erstberatungen bei leichten Erkrankungen oder bei allgemeinen gesundheitlichen Fragestellungen. So dass nicht mehr für alles eine Ärztin zuständig sein muss.
Ein gutes Beispiel gibt es im luzernischen Kriens: Dort verantwortet neu die Spitex den schulärztlichen Gesundheitscheck in der Schule. Dabei führt eine Pflegefachfrau mit Zusatzausbildung statt eine Hausärztin die Routine-Untersuchungen im Auftrag der Ärztin durch. Auch interessant: Soforthilfe-Praxen, die so aufgestellt sind, dass beispielsweise Grippe-Symptome, Zeckenstiche oder verstopfte Ohren von einer Pflegefachfrau angeschaut werden, während sich eine Ärztin um die potenziell komplexeren oder unklaren Fälle wie starke Kopf- oder Gelenkschmerzen oder tiefe Hautwunden kümmert.
Damit solche Modelle Schule machen können, muss zunächst geschaut werden, wer heute was macht. Danach können die Rollen weiterentwickelt werden. So, dass die medizinische Grundversorgung gestärkt wird. Trotz knappem Geld und fehlendem Personal. Es geht also darum, dass mehr Fachbereiche mehr abdecken können. Wie zum Beispiel Apotheken oder Hebammen, Beratungspersonen bei Gesundheitsligen, Patientenorganisationen, Mütter- und Väterberatungsstellen oder Sozialberatungsstellen.
Grenzen verschieben setzt voraus, dass wir bereit sind, über bestehende System-Grenzen hinauszudenken. Und dass wir bereit sind, bestehende Rollenbilder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Auch wenn es die eigene Rolle betrifft. Das bedeutet auch: Gut ausgebildeten Gesundheitsfachpersonen aller Bereiche mehr zuzutrauen. Und andere Berufsgruppen wie zum Beispiel Sozialarbeiterinnen und Gesundheits-Coaches näher anzubinden, ohne dass sofort mehr Leistungen über die Krankenversicherung abgerechnet werden.
Ein dritter Lösungsansatz betrifft die heimärztliche Versorgung. Auch da gibt es Handlungsbedarf. Pflegeheime sind etwa bei komplexen Fragen zur Medikation gefordert. Oder bei der medizinischen Begleitung von pflegebedürftigen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Daher geht es in den Pflegeheimen darum, gemeinsam mit den Akteuren zu klären, wie zum Beispiel mit Unterstützung von Apothekerinnen und Apothekern die Medikamentenverabreichung vereinfacht und verbessert werden kann, oder wie mit Unterstützung von Pflegeexpertinnen APN unnötige Spitaleintritte vermieden werden können.
Für die Stärkung der Grundversorgung setzen wir selbstverständlich auch auf digitale Lösungen. Und arbeiten auch deshalb mit Hochdruck am Neustart des Elektronischen Gesundheitsdossiers und der Umsetzung des Programms DigiSanté.
Bei all diesen Arbeiten gibt es einen gemeinsamen Nenner: Es braucht uns alle.
Gemeinsam können wir Grenzen so verschieben, dass wir damit die Grundversorgung für die Zukunft sichern und stärken können. Zum Wohl der Patientinnen und Patienten. Zum Wohl unserer Bevölkerung.
Vielen Dank!
Bundesamt für Gesundheit BAG
Schwarzenburgstrasse 157
Schweiz - 3003 Bern