Organspende: Zustimmungslösung oder Widerspruchslösung?

In der Schweiz dürfen einer verstorbenen Person nur dann Organe, Gewebe oder Zellen entnommen werden, wenn das Einverständnis dazu gegeben wurde (Zustimmungslösung). In vielen anderen Ländern gilt die Widerspruchslösung, bei der ein Schweigen als Zustimmung gewertet wird.

Das Transplantationsgesetz regelt, unter welchen Voraussetzungen es zulässig ist, verstorbenen Personen Organe, Gewebe oder Zellen zu entnehmen. In der Schweiz gilt demnach die erweiterte Zustimmungslösung (Transplantationsgesetz, Artikel 8).

Volksinitiative und indirekter Gegenvorschlag

Am 22. März 2019 wurde eine Volksinitiative eingereicht, die in der Schweiz die Widerspruchslösung einführen will. Der Bundesrat unterstützt das Anliegen grundsätzlich, schlägt aber eine Gesetzesänderung vor, um gleichzeitig die Rechte der Angehörigen zu wahren. Diese sollen weiterhin den Willen der verstorbenen Person einbringen können. Der Bundesrat hat das Eidgenössische Departement des Innern an seiner Sitzung vom 14. Juni 2019 beauftragt, einen indirekten Gegenvorschlag auszuarbeiten. Dieser soll die erweiterte Widerspruchslösung im Transplantationsgesetz verankern.

Modelle der Willensäusserung

Die Zustimmungslösung – aktives Einverständnis der betroffenen Person oder der Angehörigen

Bei der Zustimmungslösung dürfen einer verstorbenen Person nur dann Organe, Gewebe oder Zellen entnommen werden, wenn explizit das Einverständnis dazu gegeben wurde:

  • Nach der engen Zustimmungslösung ist die Entnahme von Organen, Geweben und Zellen nur dann zulässig, wenn die verstorbene Person dieser zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Zustimmung zu einer Entnahme vor, so wird dies wie eine Ablehnung gewertet. Ohne Zustimmung der spendenden Person ist somit eine Entnahme unzulässig.
  • Nach der erweiterten Zustimmungslösung wird eine fehlenden Erklärung der verstorbenen Person weder als Ablehnung noch als Zustimmung gewertet, sondern lediglich als Nichterklärung. Deshalb werden in diesem Fall die nächsten Angehörigen angefragt. Wenn die nächsten Angehörigen einer Entnahme zustimmen, so ist diese zulässig. Der Wille der verstorbenen Person hat aber – falls er vorliegt – in jedem Fall Vorrang gegenüber demjenigen der nächsten Angehörigen.

Die Widerspruchslösung – nur ein expliziter Widerspruch verhindert eine Entnahme

Bei der Widerspruchslösung wird ein Schweigen als Zustimmung gewertet. Man unterscheidet zwei Varianten:

  • Nach der engen Widerspruchslösung dürfen Organe, Gewebe oder Zellen einer verstorbenen Person entnommen werden, wenn sich diese zu Lebzeiten nicht gegen einen solchen Eingriff ausgesprochen hat. Das Wesensmerkmal dieses Modells liegt somit darin, dass das Fehlen eines Widerspruchs wie eine Einwilligung in eine Organentnahme behandelt wird.
  • Von der erweiterten Widerspruchslösung spricht man, wenn auch den nächsten Angehörigen ein Widerspruchsrecht eingeräumt wird.

Letzte Änderung 13.06.2019

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