Mehr Ärztinnen in die Chefetage: «Es wäre ein grosser Fehler, diesen Innovationspool nicht zu nutzen.»

Bern, 12.6.2019 - Zwei Drittel der Medizinstudierenden in der Schweiz sind heute Frauen. In den Chefetagen der Spitäler sind die Ärztinnen aber noch immer klar in der Minderheit, auch im Universitätsspital Zürich USZ. Der Präsident des Spitalrats, Martin Waser, schreibt im Geschäftsbericht 2018 des USZ: «Wir wollen auch in der Medizin mehr Frauen in Chefpositionen bringen. Ein Drittel der Leitenden Ärzte sollen Frauen sein.» Heute sind es 21 Prozent. Was sind die Gründe? Wir fragen Prof. Klara Landau, zuständig für die Gleichstellung im ärztlichen Kader des Universitätsspitals Zürich.

Professorin Klara Landau

Was sind die Gründe für diesen tiefen Ausgangswert auf Ihrem Weg zu mehr Frauen in der Führung?

Das USZ hat sich als universitäres Spital dafür entschieden, dass zur Beförderung oder Anstellung als Leitende Ärztin oder Leitender Arzt (LA) eine Habilitation oder eine damit vergleichbare zusätzliche akademische Leistung erwartet wird. Auch eine hervorragende Kompetenz in der Klinik reicht somit nicht aus, um auf der Karriereleiter weiter aufzusteigen. Nun ist für Ärztinnen und Ärzte der Lebensabschnitt zwischen dem Abschluss des Studiums bis zur allfälligen Ernennung auf die LA-Stufe recht anspruchsvoll: Zum einen muss man die Facharztausbildung absolvieren, die häufig auch eine lange Liste von Eingriffen beinhaltet, um auf einem klinischen Gebiet die nötige Kompetenz und Spezialisierung zu erlangen. Zum anderen muss man ein akademisches Werk aufbauen mit einer vorgegebenen minimalen Anzahl von Publikationen, die von extern als innovativ und von hoher Qualität begutachtet werden. Von Vorteil ist auch das Einwerben von Drittmitteln und der Aufenthalt an einer ausländischen akademischen Institution.

Das lässt wenig Zeit für andere Beschäftigungen oder das Privatleben.

Diese beiden Vorgaben sind bereits recht herausfordernd und nun kommt die Tatsache hinzu, dass in dieser Lebensphase auch die Familiengründung ansteht. Das scheint noch immer bei Frauen mehr als bei Männern den Aufbau der Laufbahn zu behindern. Eine längere Pause oder eine Teilzeittätigkeit können das Zünglein an der Waage sein, warum eher ein Mann als eine Frau im kompetitiven Umfeld des Spitals befördert wird.

Wie wollen Sie den Anstieg auf ein Drittel Frauen erreichen?

Wir signalisieren den Führungskräften des USZ, dass es den Leitungsgremien des Spitals mit der Gleichstellung bis zur obersten Stufe ernst ist. Vom Human Resources Management wurde eine Umfrage durchgeführt, bei der Ideen und Anliegen der ärztlichen Kaderpersonen am USZ systematisch abgeholt und verarbeitet wurden. Mit einer Arbeitsgruppe zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben werden die eingebrachten Ideen auf ihre Umsetzung geprüft – hier geht es unter anderem um die Ausarbeitung von Arbeitsmodellen, die von Klinik zu Klinik unterschiedlich gestaltet werden. Mit einem Talent-Management sollen besonders begabte und motivierte Personen früh identifiziert und gefördert werden. Von den Vorgesetzten erwarten wir eine frühe Laufbahnplanung, bei der Ärztinnen genauso berücksichtigt werden müssen wie Ärzte.

Genügt ein Drittel, oder müssten Sie sich nicht zum Ziel setzen, mindestens 50 Prozent Frauen bei den Leitenden Ärzten zu haben? Immerhin sind 66 Prozent der Medizinstudierenden heute weiblich.

50 Prozent ist tatsächlich das Ziel. Wobei dann auch die Direktionsposten in Zukunft zur Hälfte von Frauen besetzt sein sollen, was die gemeinsame Aufgabe der Universität und des Spitals ist. Dann braucht es meine Stelle nicht mehr.

Sie haben die Augenklinik am USZ geleitet. Wie schwierig war für Sie der Weg an diese Position?

Es war tatsächlich nicht immer einfach. Meine Facharztausbildung absolvierte ich in einem Land, in dem die Gleichstellung nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, sondern auch gelebt wurde. Während dieser Zeit sind unsere beiden Kinder geboren worden. Mit meinem Mann habe ich mir die Aufgaben und die Freuden des Elternseins geteilt. Mit dem Umzug in die Schweiz wurde es deutlich schwieriger, die eigene Laufbahn und das Privatleben unter einen Hut zu bringen. Aber da war ich schon zu sehr von der Freude an der akademischen Medizin angesteckt, um alles aufzugeben. Ich machte langsam aber stetig berufliche Fortschritte, während die Kinder immer älter und selbständiger wurden. Eine Diskriminierung als Frau habe ich von meinen Vorgesetzten nicht erfahren.

Was ist seither für junge Ärztinnen besser geworden?

Die hohe Anzahl von Frauen im Studium und am Spital macht es naheliegend, dass es auch einen Weg ganz nach oben geben muss und wird.

Fördern Sie auch Forschungskarrieren oder vor allem die Ärztinnen in der Klinik?

An einem universitären Spital gehört die Forschung dazu. Sehr viele junge Frauen, denen ich begegne, sind sehr kreative und begeisterte Forscherinnen und es wäre ein grosser Fehler, diesen Innovationspool nicht zu nutzen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Prof. Klara Landau war von 2005 bis 2018 Ordentliche Professorin für Ophthalmologie an der Universität Zürich und Direktorin der Augenklinik des Universitätsspitals Zürich. 2018 erhielt sie den Merit Award der North American Neuro-Ophthalmology Society. 

Letzte Änderung 12.06.2019

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