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DiscoursPublié le 5 mars 2026

« Les tensions sont apparues très tôt : les mesures de protection allaient trop loin pour certains, pas assez pour d’autres »

Berne – Intervention d’Anne Lévy, directrice de l’OFSP, à l’occasion de la conférence de programme 2026 du PNR 80 – L’allocution a été prononcée en anglais. Seule la version orale fait foi.

Sehr geehrte Professorinnen und Professoren
Geschätzte Forschende, Kolleginnen und Kollegen aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung
Sehr geehrte Damen und Herren

Ich danke Ihnen für die Einladung zum Auftakt dieser Konferenz und für die Gelegenheit, mit Ihnen ein paar Gedanken zur Covid-19 Pandemie zu teilen.

Das Nationale Forschungsprogramm – NFP-80 – ist ein wichtiges, zusätzliches Puzzle-Stück in der Aufarbeitung der grössten Gesundheitskrise der letzten hundert Jahre. Ich freue mich sehr darauf, im entsprechenden Synthesebericht dann die Erkenntnisse und Empfehlungen lesen zu können.

Ich bin sehr dankbar für Ihren konzentrierten Blick auf die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft. Auf unser Zusammenleben. Darauf, wie wir mit der schwierigen Zeit umgegangen sind. Als Gemeinschaft und individuell.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, auch bisher wenig beachtete, schädliche Auswirkungen der Pandemie zu beleuchten. Ich bin überzeugt, dass Ihre Erkenntnisse ein weiterer Stein im Fundament dessen sein werden, was Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Gesellschaft aus der Covid-19 Pandemie lernen können. Und dass Sie dazu beitragen, die Krisenfestigkeit der Schweiz zu stärken. Das ist sehr wichtig, doch vergessen wir nicht, wie die Pandemie damals angefangen hat.

«Bleiben Sie zuhause» – zur Eindämmung der Pandemie

Heute scheint die Pandemie lang her, fast wie aus einer anderen Zeit. Vergegenwärtigen wir uns daher doch nochmals die damalige Situation: Wo waren Sie am 23. Februar 2020? – Damals berichtete die Tagesschau über einen raschen Anstieg der Ansteckungen mit dem Corona-Virus in Italien. Die italienischen Behörden riegelten Ortschaften ab und schlossen Schulen. Im Tessin wurden Patientinnen und Patienten vorsorglich isoliert und auf eine Ansteckung mit dem Corona-Virus getestet, die wegen einer Lungeninfektion ins Spital kamen.

Zwei Tage später: der erste Fall im Tessin. Man wusste weder, ob die Erkrankung behandelt werden konnte, noch gab es eine Impfung. Und kaum jemand wusste damals genau, wie gefährlich das Virus war und wie es sich ausbreitete. Am 27. Februar gab es in der Schweiz bereits sechs bestätigte Fälle. In der Folge sagten die kantonalen Behörden den Engadiner Skimarathon und den Autosalon in Genf ab. Tags darauf stufte der Bundesrat die Situation in der Schweiz als «besondere Lage» gemäss Epidemien-Gesetz ein: Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen wurden verboten. Wenig später brach das Parlament die Frühlingssession ab und Mitte März kam das öffentliche Leben fast zum Stillstand: Schulen, Kinos und Läden wurden geschlossen, Veranstaltungen verboten. Ältere und kranke Menschen blieben zuhause. Viele Berufstätige arbeiteten von daheim aus. «Bleiben Sie zuhause» war der Slogan der Stunde.

Die Verletzlichsten schützen und eine Überlastung von Spitälern vermeiden

Bund und Kantone mussten rasch handeln, um das Risiko von Ansteckungen zu reduzieren. Während der ganzen Pandemie standen zwei Ziele im Fokus: Eine Überlastung der Spitäler möglichst zu vermeiden und die Bevölkerung – insbesondere die verletzlichsten Menschen – vor einer Ansteckung zu schützen. Die Entscheide beruhten auf dem damals verfügbaren Wissen. Vieles war zu Beginn noch nicht klar: So wusste man nicht, ob das Virus für ältere oder jüngere Menschen gefährlicher war, ob und wie gut man die Krankheit behandeln kann und welches Medikament am besten wirkt.

Ich war damals CEO der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Ich machte mir grosse Sorgen. Um die Patientinnen und Patienten, die sich gegenseitig anstecken konnten. Und um die Mitarbeitenden, welche die Patientinnen und Patienten behandelten und so potenziell in Kontakt mit dem Virus kamen. Um unsere Patientinnen und Patienten zu schützen, isolierten wir diejenigen mit Symptomen. Obwohl eine Isolation für Menschen mit psychischen Problemen sehr belastend ist und Gruppentherapien sowie gemeinsame Mahlzeiten Teil der Behandlung sind. Das war schwierig. Aber es ging darum, Menschenleben zu schützen. War das genug? Ich freue mich darauf, Ihre Einschätzung dazu zu hören.

In der ersten Welle gab es in der Schweiz viel Verständnis für die behördlichen Massnahmen. Unsere Bevölkerung war grösstenteils froh um Hinweise, wie man sich und andere vor einer Ansteckung schützen kann. Gerade auch jene, die etwa im Spital, im Zug, Tram und Bus, im Verkauf, in Produktionsbetrieben oder in anderen Bereichen arbeiteten, wo man vor Ort sein musste.

Insgesamt trug die Bevölkerung den Schweizer Weg breit mit

Offiziell begann ich meine Arbeit als Direktorin des BAG am 1. Oktober 2020. Das Dossier hatte ich wegen der Krise allerdings schon ein paar Wochen früher übernommen. Ich erinnere mich noch gut: Es war ein heisser Tag im August. Ich kam in ein Amt, das mit Hochdruck und rund um die Uhr arbeitete. Die meisten waren vor Ort. Auch die Sitzungen fanden – mit Abstand – in den Sitzungszimmern statt. Wir versuchten, den Überblick zu behalten.

Was mir fehlte, waren die Stimmen jener, die Tag für Tag in den Spitälern und Kliniken im Einsatz standen. Ich wollte wissen, wie es ihnen geht. Was sie brauchen, um eine Überlastung der Spitäler zu verhindern. Also griff ich immer mal wieder zum Telefon: Um direkt vom Chef der Notfallstation zu erfahren, wie die Situation vor Ort ist. Mir wurde rasch klar, dass wir die Wissenschaft enger miteinbeziehen müssen. Und dabei nicht nur Fachleute brauchten, die sich mit der Verbreitung von Viren auseinandersetzen. Sondern beispielsweise auch Kinder- und Jugendpsychiater. Also haben wir die bereits bestehende wissenschaftliche Task Force erweitert und den regelmässigen, telefonischen Austausch etabliert.

Das BAG stand besonders im Fokus – und in der Verantwortung. Tag für Tag mussten wir zuhanden des Bundesrates beurteilen, welche Massnahmen notwendig sind und wo man das Risiko eingehen konnte, Massnahmen zu lockern. Das Spannungsfeld zeichnete sich früh ab: Den einen gingen die Schutzmassnahmen zu weit, den anderen zu wenig weit. Ich erhielt Briefe und Anrufe von besorgten Eltern, die sich eine zweite Schulschliessung wünschten. Während sich andere den Demonstrationen der Skeptiker anschlossen.

Besonders schwierig war vor allem jene Phase der Pandemie, als die Immunität in der Bevölkerung zunahm durch Impfungen oder durchgemachte Erkrankungen, das Virus aber stetig mutierte und gewisse Schutzmassnahmen daher beibehalten werden mussten, um vulnerable Gruppen zu schützen. Damit die Spitäler nicht überlastet werden. Insgesamt trug die Bevölkerung den Schweizer Weg aber breit mit, wie sich in Volksabstimmungen wiederholt zeigte.

Jede Krise ist anders

Heute vor knapp vier Jahren, am 30. März 2022, beschloss der Bundesrat die Rückkehr in die «normale Lage» und die Aufhebung praktisch aller Massnahmen. Das war eine Erleichterung. Gleichzeitig war allen bewusst: Es wird eine prägende Zeit bleiben. Die vielen Verstorbenen machen mich noch heute betroffen: Bei uns zählte man rund 19 000 Verstorbene, weltweit über 7 Millionen. Auch die wirtschaftlichen Folgen waren einschneidend. Zudem sind heute noch Menschen von einer «Post Covid»- Erkrankung betroffen.

Umso wichtiger ist, die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Covid-19 Pandemie für die Bewältigung künftiger Gesundheitskrisen zu nutzen. Ich bin froh um die Studien und Berichte, mit denen die Pandemie aufgearbeitet wurde – und noch aufgearbeitet wird. Wie beispielsweise mit diesem Nationalen Forschungsprogramm.

Was bleibt von der Coronazeit? – Welche Lehren ziehen wir daraus?

Wichtig ist mir persönlich, dass bei künftigen Krisen, neben den medizinischen Aspekten auch die sozialen und gesellschaftlichen Überlegungen früher und stärker einbezogen werden. Genauso wie die Perspektive der Betroffenen. Auch die wollen wir künftig stärker berücksichtigen. Beispielsweise in Pflegheimen. Denn während manche möglichst gut geschützt werden wollten, haben andere darunter gelitten, dass deswegen soziale Kontakte weggefallen sind.

Gesundheit ist wichtig, aber auch Geborgenheit! Künftig soll darum jede Institution zusammen mit den Betroffenen mitentscheiden können, wie viel Schutz erwünscht ist – etwa mit Hilfe von Bewohnerräten. Ich bin auch froh, dass wir die Schulen – im Gegensatz zu anderen Ländern – nur einmal geschlossen und dann rasch wieder geöffnet haben. Und dass Freizeitaktivitäten für Jugendliche früh wieder stattfinden konnten. Gerade die Schule ist nicht nur der Ort, wo junge Menschen zum Lernen hingehen. Sondern auch der Ort, wo Normalität stattfindet.

Wichtig ist auch, offen zu sein, wenn es um die künftige Krisenvorbereitung geht. Denn trotz den vielen Erfahrungen, die wir gemacht haben, kann heute niemand sagen, wie die nächste grosse Gesundheitskrise genau aussehen wird. Wird es erneut ein ansteckendes Virus sein? Oder werden es gravierende Antibiotikaresistenzen sein? Oder etwas ganz anderes? Deshalb müssen wir die Grundlagen so anpassen, dass wir flexibel auf verschiedene Szenarien reagieren können. Und dabei auch die sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen einer neuen Gesundheitskrise im Auge behalten.

Zwei zentrale Instrumente haben wir bereits dahingehend überarbeitet. Und haben dabei die Erkenntnisse aus der Covid-19-Pandemie einfliessen lassen: Das sind das Epidemien-Gesetz und der nationale Pandemieplan.

Das Ziel: die Krisenfestigkeit der Schweiz verbessern

Die Revision des Epidemien-Gesetzes, die im Moment im Parlament beraten wird, verbessert die Vorbereitung auf eine nächste Krise. Beispielsweise indem es die Frühwarnsysteme verbessert. Damit neue Gefahren rasch erkannt und bekämpft werden können. Die Revision stärkt auch den Umgang mit Gesundheitsgefahren. Wie beispielsweise Antibiotikaresistenzen. Die Prävention solcher Resistenzen, aber auch die Verfügbarkeit von neuen Antibiotika soll gezielt gefördert werden. Die Revision verbessert auch die Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen und regelt die Aufgaben und Kompetenzen klarer. Und der Übergang zwischen der normalen Lage, der besonderen Lage und der ausserordentlichen Lage wird geklärt. Ein wichtiges Governance-Thema, das im NFP80 Projekt zur Krisengouvernanz untersucht und begleitet wurde. Vielen Dank an dieser Stelle für die bereichernde Zusammenarbeit.

Ebenfalls vertieft wird die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Dazu wurden unter der Leitung der Bundeskanzlei inzwischen ein nationales Netzwerk für wissenschaftliche Beratung und thematische Cluster geschaffen. Zu denen unabhängige Expertinnen und Experten rasch und gezielt beigezogen werden.

Ergänzend zum Epidemien-Gesetz ist der nationale Pandemieplan ein wichtiges Instrument für Bund, Kantone und Gemeinden, um auf künftige Krisen vorbereitet zu sein und sie bewältigen zu können. Er ist online zugänglich und wird regelmässig aktualisiert. Der nationale Pandemieplan dient den zuständigen Behörden als Leitfaden, entlang dem sie ihre eigene Pläne ausarbeiten können. Und enthält handfeste praktische Hinweise und Tipps. Neu bezieht sich der Pandemieplan auf verschiedene Erreger und ihre Übertragungswege – statt wie bisher nur auf eine rasche Verbreitung des Influenza-Virus. Ebenfalls neu beleuchtet der Pandemieplan nun auch den Umgang mit gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen einer Pandemie. Und greift Themen auf, wie Chancengleichheit oder die Verhältnismässigkeit von Massnahmen. Auch hier haben Expertinnen und Experten aus Ihren Reihen bei den neu aufgenommenen Kapiteln mitgewirkt und Empfehlungen abgegeben, zuhanden der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung. Für diese wertvolle Unterstützung danke ich Ihnen ganz herzlich!

Wissenschaft ist wichtig – Politik auch

Rückblickend zeigt sich: Die Covid-19-Pandemie hat in vielen gesellschaftlich relevanten Bereichen wie ein Brennglas gewirkt – und Entwicklungen verdeutlicht, die schon vorher begonnen haben. Ich denke hier zum Beispiel an diejenigen Menschen, die schon zuvor wenig soziale Kontakte hatten und plötzlich noch mehr isoliert waren. Oder an jene, die schon vor der Pandemie Mühe hatten, ihren Alltag zu bewältigen. Ich denke dabei aber auch an den Fachkräftemangel und die herausfordernden Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen – insbesondere in der Pflege. Ich denke aber auch an die vorausschauende und sichere Versorgung mit medizinischen Gütern und Heilmitteln im Fall einer Krise.

Eine Gesellschaft, die sich auf starke, solidarische Strukturen abstützen kann, kann Krisen besser meistern. Es ist darum wichtig, in ruhigen Zeiten dafür zu sorgen.

Das betrifft auch den Gesundheitsbereich, auch dafür brauchte es robuste Versorgungsstrukturen. Dafür sind finanzielle Mittel nötig: So sind Reservationsverträge für Impfstoffe mit Kosten verbunden. Genauso wie Anreizmodelle für die Forschung und Entwicklung und das Bereitstellen von neuen, wirksamen Antibiotika gegen resistente Keime. Auch der Aufbau und Betrieb einer nationalen, digitalen Plattform für die Überwachung und Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten, erfordert finanzielle Mittel und personelle Ressourcen. Wir streben eine Stärkung an. Auch hier hat das Parlament aber das letzte Wort. Ich hoffe, dass sich die Politik daran erinnert, wie entscheidend gute Vorbereitung ist, um eine Gesundheitskrise zu bewältigen.

Zum Schluss möchte ich ein Thema aufgreifen, das mir seit dem Start im BAG sehr wichtig ist und uns verbindet: Das Engagement für ein gutes Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Politik. Daran haben beide Seiten grosses Interesse, wie die Corona-Pandemie gezeigt hat. Die Situation war – grad zu Beginn – für beide Seiten sehr herausfordernd. Denn: Das Virus verbreitete sich schneller, als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse dazu vorlagen. Es war also schneller als die Wissenschaft. Und die Wissenschaft war schneller als die Politik, deren Entscheide und Verfahren jeweils eine gewisse Zeit brauchen. Und von der Bevölkerung mitgetragen werden müssen. Wir haben unterschiedliche Rollen. Beide sind wichtig.

Entscheidend ist deshalb ein gutes Zusammenspiel – in gegenseitigem Respekt vor den unterschiedlichen Aufgaben. Wir brauchen einander. Die Erklärungen von Wissenschaftlern, die teils viel zu dramatische Entwicklungen voraussagten, haben manche vorsichtig werden lassen. Andere Menschen aber verunsichert – oder gar so verärgert, dass sie kein Gehör mehr dafür hatten. Darum braucht es auch auf Seiten der Wissenschaft eine gewisse Demut. Es lohnt sich, immer wieder zu betonen, dass die aktuellen Erkenntnisse und die darauf aufbauenden Prognosen oder Thesen jeweils bloss «das Beste zu einem bestimmten Zeitpunkt» sind. Und für die Politik ist wichtig, offen zu sein für Anpassungen.

Ich bin überzeugt: Die Perspektive der Sozial- und Geisteswissenschaften – Ihre Erkenntnisse und Empfehlungen aus dem NFP-80 – werden einen wichtigen Beitrag dafür leisten, um die Krisenfestigkeit der Schweiz weiter zu verbessern.

Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Arbeit und wünsche Ihnen viel Erfolg für die letzten Abschlussberichte und den Synthesebericht.

Office fédéral de la santé publique OFSP

Direction
Schwarzenburgstrasse 157
Suisse - 3003 Berne