Zustimmungsmodelle in der Transplantationsmedizin

In der Schweiz dürfen einer verstorbenen Person nur dann Organe, Gewebe oder Zellen entnommen werden, wenn das Einverständnis dazu gegeben wurde (Zustimmungslösung). In vielen anderen Ländern gilt die Widerspruchslösung, bei der ein Schweigen als Zustimmung gewertet wird.

Das Transplantationsgesetz regelt, unter welchen Voraussetzungen es zulässig ist, verstorbenen Personen Organe, Gewebe oder Zellen zu entnehmen. In der Schweiz gilt demnach die erweiterte Zustimmungslösung.

Die Zustimmungslösung – aktives Einverständnis der betroffenen Person oder der Angehörigen

Bei der Zustimmungslösung dürfen einer verstorbenen Person nur dann Organe, Gewebe oder Zellen entnommen werden, wenn explizit das Einverständnis dazu gegeben wurde:

  • Nach der engen Zustimmungslösung ist die Entnahme von Organen, Geweben und Zellen nur dann zulässig, wenn die verstorbene Person dieser zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Zustimmung zu einer Entnahme vor, so wird dies wie eine Ablehnung gewertet. Ohne Zustimmung der spendenden Person ist somit eine Entnahme unzulässig.
  • Nach der erweiterten Zustimmungslösung wird eine fehlenden Erklärung der verstorbenen Person weder als Ablehnung noch als Zustimmung gewertet, sondern lediglich als Nichterklärung. Deshalb werden in diesem Fall die nächsten Angehörigen angefragt. Wenn die nächsten Angehörigen einer Entnahme zustimmen, so ist diese zulässig. Der Wille der verstorbenen Person hat aber - falls er vorliegt - in jedem Fall Vorrang gegenüber demjenigen der nächsten Angehörigen.

Bei der sogenannten Entscheidungslösung, die 2012 in Deutschland eingeführt worden ist, handelt es sich nicht um ein zusätzliches Modell zur Willensäusserung. Vielmehr geht es bei dieser Lösung darum, dass die Bevölkerung in regelmässigen Abständen aufgefordert wird, den Willen zu äussern. In Deutschland gilt weiterhin die erweiterte Zustimmungslösung.

Die Widerspruchslösung – nur ein expliziter Widerspruch verhindert eine Entnahme

Bei der Widerspruchslösung wird ein Schweigen als Zustimmung gewertet. Man unterscheidet zwei Varianten:

  • Nach der engen Widerspruchslösung dürfen Organe, Gewebe oder Zellen einer verstorbenen Person entnommen werden, wenn sich diese zu Lebzeiten nicht gegen einen solchen Eingriff ausgesprochen hat. Das Wesensmerkmal dieses Modells liegt somit darin, dass das Fehlen eines Widerspruchs wie eine Einwilligung in eine Organentnahme behandelt wird.
  • Von der erweiterten Widerspruchslösung spricht man, wenn auch den nächsten Angehörigen ein Widerspruchsrecht eingeräumt wird.

Umsetzung in der Praxis

Die konkrete Ausgestaltung der gesetzlichen Regelung und deren Umsetzung in der Praxis sind von Land zu Land oder sogar von Spital zu Spital sehr verschieden und variieren zwischen enger Zustimmungslösung (zum Beispiel Japan) und enger Widerspruchslösung (zum Beispiel Belgien).

In Ländern, die die Widerspruchslösung im Gesetz verankert haben, kommt in der Regel eine Form der erweiterten Zustimmungslösung zur Anwendung; d.h. die Angehörigen werden bei Fehlen einer Willensäusserung der verstorbenen Person um eine Organspende angefragt. Zwei Beispiele illustrieren dies:

  • In Spanien, das als Vorzeigebeispiel bezüglich Organspende gilt, müssen die Angehörigen in jedem Fall zustimmen, damit Organe entnommen werden dürfen. Dies, obwohl in Spanien die enge Widerspruchslösung gilt.
  • In Österreich gestehen die Ärztinnen und Ärzte den Angehörigen trotz enger Widerspruchslösung seit 2000 ein Vetorecht zu, unabhängig davon, ob sich die verstorbene Person im nationalen Widerspruchsregister eingetragen hat.

Letzte Änderung 23.03.2017

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