«Der Kontakt zwischen Arzt und Patient ist nicht auf 20 Minuten beschränkt»

Bern, 9.1.2018 - Die neue Tarifstruktur (TARMED) ist seit dem 1. Januar 2018 gültig. Insbesondere die Beschränkung der Grundkonsultation auf 20 Minuten wurde in den vergangenen Tagen von den Medien verschiedentlich thematisiert. Sandra Schneider, Leiterin der Abteilung Leistungen beim BAG, nimmt zu den am meisten aufgeworfenen Fragen Stellung.

Sandra Schneider

Warum hat der Bundesrat entschieden, die Zeit für die Grundkonsultation auf 20 Minuten zu beschränken?

Genau betrachtet ist diese Regelung gar nicht neu. Vielmehr hat der Bundesrat bei der Grundkonsultation auf bereits vorhandene Abrechnungsregeln zurückgegriffen. Die zeitliche Limitation für die Grundkonsultation beträgt nämlich bereits seit Einführung des TARMED im Jahr 2004 20 Minuten. Sie wurde allerdings für elektronisch abrechnende Ärzte vorübergehend ausgesetzt, um diese Art der Abrechnungsform zu fördern. Die Limitation wird nun ab dem 1. Januar 2018 wieder für alle Ärzte und Spitalambulatorien einheitlich auf 20 Minuten festgesetzt.
Allerdings haben die Ärzte für spezifische ärztliche Leistungen, welche über die normale Konsultation hinausgehen, weitere Abrechnungspositionen im TARMED zur Verfügung. Voraussetzung ist natürlich, dass diese Leistungen auch tatsächlich erbracht werden.

Einige Ärzte befürchten, dass die Limitation der Grundkonsultation auf 20 Minuten zu Qualitätseinbussen und zu einer zwei-Klassenmedizin führt. Wie trägt der Bundesrat dieser Angst Rechnung?

Die Qualität der Behandlung ist auch für den Bundesrat zentral. Und von einer Zwei-Klassen-Medizin kann keine Rede sein. Aufgrund der Rückmeldungen aus der Vernehmlassung hat der Bundesrat entschieden, Ausnahmeregelungen für bestimmte Patientengruppen einzuführen. Für Kinder unter 6 Jahren, Erwachsene über 75 Jahren und Patienten mit einem erhöhten Behandlungsbedarf (z.B. schwierige Patientensituation mit mehreren Krankheiten) ist die Limitation für die Grundkonsultation von 20 Minuten auf 30 Minuten erhöht worden. Und wie bereits erwähnt stehen für spezifische ärztliche Leistungen zusätzliche Abrechnungspositionen des TARMED zur Verfügung. Der Arzt-Patienten-Kontakt ist also keinesfalls auf 20 resp. 30 Minuten Konsultation beschränkt.
Ich möchte zudem auf eine Commonwealth-Umfrage verweisen. Sie stellt fest, dass die übliche Einbestellpraxis einer ausgelasteten Arztpraxis in der Schweiz bei rund einer Viertelstunde liegt. Die 20 Minuten Zeit für die Grundkonsultation decken diesen Grundbedarf.

Was passiert, falls die Zeit für die Grundkonsultation mehr als 20 Minuten beträgt? Müssen die Patienten die zusätzliche Zeit bezahlen?

Nein, auf keinen Fall. Die Ärzte und die Spitalambulatorien müssen sich an die neuen TARMED-Tarife halten und dürfen den Patienten keine zusätzlichen Kosten in Rechnungen stellen. Es gilt der sogenannte Tarifschutz. Der Bundesrat zählt auf das Verantwortungsbewusstsein der Ärzte. Sie sind aufgefordert, die neuen Abrechnungsregeln korrekt umzusetzen.

Reagiert der Bundesrat mit dieser Zeitbeschränkung auf eine Mengenausweitung bei dieser Tarifposition («Grundkonsultation») in den vergangenen Jahren? Wenn ja, wie gross war diese?

In den letzten Jahren sind einige Tarifpositionen überdurchschnittlich gestiegen. So hat sich das Volumen der Leistungen in Abwesenheit des Patienten seit 2004 fast verdoppelt.  Nach den Berechnungen des BAG sind die Leistungen in Abwesenheit des Patienten zwischen 2012 und 2015 um 70% bei den Spitälern, um 43% bei den Spezialisten und um 26% bei den Grundversorgern gestiegen. Sie beliefen sich 2015 auf insgesamt 550 Millionen Franken.

Wie können die Umsetzung und die Auswirkungen des TARMED überprüft werden?

Es ist Sache der Krankenversicherer, die korrekte Anwendung der Tarifstruktur zu prüfen. Die Auswirkungen des TARMED werden zusammen mit den Ärzten, den Spitälern und den Krankenversicherern in einem Monitoring überprüft. Ein besonderes Augenmerk ist auf gewisse Positionen zu legen, so etwa auf die neu eingeführten Positionen für Patienten mit erhöhtem Behandlungsbedarf, Kindern unter 6 Jahren und älteren Personen über 75 Jahren.

Um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen, wird es wichtig sein, dass die Leistungserbringer und die Krankenversicherer dem Bundesrat die entsprechenden Daten zukommen lassen. Dazu sind sie gemäss Verordnung verpflichtet.

Warum hat der Bundesrat überhaupt entschieden, den Ärztetarif TARMED anzupassen?

Der subsidiäre Eingriff des Bundesrates ist nötig, weil sich die Tarifpartner bis heute nicht auf eine Gesamtrevision einigen konnten und es ab dem 1. Januar 2018 keine von allen Tarifpartnern gemeinsam vereinbarte Tarifstruktur mehr gibt. Mit den Anpassungen will der Bundesrat übertarifierte Leistungen korrigieren und die Tarifstruktur sachgerechter gestalten. Zudem sollen Fehlanreize reduziert werden, damit gewisse Tarifpositionen nicht übermässig oder unsachgemäss abgerechnet werden.

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Weiterführende Informationen

Tarifsystem TARMED

TARMED dient der Abrechnung von ambulanten ärztlichen Leistungen in Arztpraxen und Spitälern mit einem Einzelleistungstarif.

Letzte Änderung 15.02.2018

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