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Aerosolspray

Aerosolsprays: ein Gesundheitsrisiko?

Definition: Was ist ein Aerosolspray?

Aerosolsprays, auch Treibgassprays genannt, begegnen uns im Alltag überall: bei kosmetischen Produkten, bei Lebensmitteln, bei Haus­halts­produkten (z.B. Reinigungs- und Pflegemittel) oder bei Farben und Lacken.
Ein Aerosolspray besteht aus einem Druckbehälter, der folgende Komponenten enthält: den/­die che­mische(n) Wirkstoff(e), Lösungsmittel und Treibgas(e). Das Treibgas erzeugt den Druck im Innern des Behälters. Beim Öffnen des Austrittsventils wird die Mi­schung zerstäubt, d.h. feine Teil­chen werden in der Luft suspendiert (Aerosole [1]). Je nach Anwendung ei­nes Sprays kommen zahlreiche Wirk­stoffe in Frage. Haarlack enthält zum Beis­piel alkohol- oder wasser­lösliche Polymere, die einen Kunststofffilm auf den Haaren bilden. Deo­do­rants enthal­ten Duft­stoffe und antibakterielle Sub­stanzen, Raum­erfrischer  flüchtige organische Verbindungen (z.B. Aldehyde, Terpene, Alkohole, Ketone). Haushaltsinsektizide und Pesti­zide für die Landwirtschaft können z.B. organische Phosphor­verbindungen oder Pyrethroide enthalten. Sprays zur Imprägnierung von Leder und Textilien enthalten oft Fluorcarbonharze oder Polysiloxane. Am häufigsten werden als Lösungsmittel kurzkettige Alkohole (z.B. Iso­propanol) oder Kohlenwasserstoffe (z.B. Erdöldestillate, Xylol, Hexan, Heptan) verwen­det. Früher wurden aufgrund ihrer Eigenschaften Fluorchlor­kohlen­wasserstoffe (FCKW) als Treib­gas ein­ge­setzt: sie sind nicht brennbar, geruchlos und stabil. FCKW zerstören jedoch die Ozonschicht und sind deshalb seit den späten 80er-Jahren in zahlreichen Ländern, da­runter der Schweiz, verboten. Seit­her wird eine Reihe von Treibgasen verwendet, die für die Ozonschicht weitgehend unschädlich sind wie z.B. Propan, Butan und Isopropan, welches brennbare Kohlen­wasserstoffe sind. Auch Dimethyl­ether, Distickstoffoxid, Kohlenstoffdioxid, Stickstoff und Luft werden ver­einzelt eingesetzt.

Vorteile von Aerosolsprays

Das Prinzip von Aerosolsprays bietet gewisse Vorteile: das Produkt wird sparsam einge­setzt und es wird eine ho­mogene Verteilung sichergestellt, so dass sich ein gleichmässiger Film auf der Oberfläche bildet. Ausserdem wird ein konstanter Druck beibehalten, bis das Produkt auf­gebraucht ist und es können sonst schwer zugängliche Stellen behandelt werden.

Mögliche Auswirkungen von Aerosolsprays auf die Gesundheit

Aerosolsprays produzieren Aerosole in der Grösse von einigen Dutzend Nanometern [2] bis zu rund Hundert Mikrometern [3]. Während die grösseren Tröpfchen bereits in der Nase und den oberen Atemwegen aufgehalten werden, können Teilchen mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern leicht eingeatmet werden und tief in die Lungen (unter Umständen bis in die feinsten Strukturen, die Lungen- bläschen [4]) gelangen. Welche Auswirkungen die Verwendung von Sprays auf die Gesundheit hat, hängt von der Menge dieser eingeatmeten Schwebeteilchen ab, von ihrer chemischen Zusammensetzung (Wirkstoffe und Lösungsmittel) und von der Fähigkeit der Lunge, diese Stoffe wieder auszuscheiden.
Bestimmte chemische Stoffe, die über die Schwebeteilchen in die Lunge gelangen, können Rei­zun­gen der unteren Atemwege ver­ursachen oder bei Asthmatiker Asthmaanfälle auslösen (z.B. Deo-Sprays). Eine internationale Studie [5] stellt sogar einen Zusammenhang zwischen der Anzahl neuer Asthmaerkrankungen und der Häufigkeit der Verwendung von Haushaltssprays fest. Die Er­gebnisse weisen darauf hin, dass mit der regelmässigen Verwendung von Raumerfrischern und Sprays für Möbel und Fenster ein erhöhtes Erkrankungsrisiko verbunden ist.
Schädigende Effekte können in der Lunge nicht nur durch reaktive Stoffe sondern auch beim Eintrag von chemisch inerten Stoffen auftreten. Die Lungen­bläschen sind mit einem dünnen Film von Lipoproteinen [6] ausgekleidet, der über eine weitreichende Reduktion der Oberflächenspannung die Stabilität der Lungenbläschen auch bei der Ausatmung gewährleistet. Durch Wechselwirkung mit oberflächen­aktiven Schwebe- teilchen, zum Beispiel aus Imprägniersprays (siehe unten), wird dieser Film gestört und es kann zum Kollabieren der Lungenbläschen kommen. Damit verbunden sind ernsthafte Atem­störungen bis hin zu Entzündungen des Lungengewebes.

Besonderes Risiko bei der Verwendung von Imprägniersprays

Die in Imprägniersprays enthaltenen Wirkstoffe (z.B. Fluorierte Polymere) können - selbst wenn sie chemisch inert sind - eine schädliche oder sogar giftige Wirkung auf die Atemwege haben. Seit Jah­ren wurden in diesem Zusammenhang in der ganzen Welt zahlreiche Fälle von Atemwegs­stö­rungen gemeldet.
Verantwortlich für die Vergiftungsfälle ist häufig ein unsachgemässer Gebrauch des Produkts unter Be­dingun­gen, die vom Hersteller nicht vorgesehen sind, z.B. das Versprühen gros­ser Mengen in ei­nem geschlossenen Raum. Diese immer wieder auftretenden Vergiftungs­fälle könnten durch Beach­ten der von Herstellern aufgeführten Vorsichtsmassnahmen ver­mieden werden.
Daneben gibt es allerdings weltweit immer wieder Vergiftungswellen mit einzelnen Produk­ten, die nicht auf ein Fehlverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auf die mangelnde Sorg­falt der Hersteller bei der Verwendung neuer Wirkstoffe oder Veränderungen der Zusam­men­set­zung von bereits auf dem Markt vertriebenen Produkten zurückzuführen sind. So führten zum Beispiel im Jahr 2002 zwei für den Haushaltsgebrauch vorgesehene Imprägniersprays für Leder und Textilien bei etwa 200 Personen in der Schweiz zu Husten­krämpfen, erhöhter Herzfrequenz (Tachykardie), Atemnot und Lungenschädigungen. In Frank­reich wurde in diesem Zusammenhang sogar über einen Todesfall mit einem solchen Produkt berichtet, bei dem in einer chemischen Reinigung ein Flüssigprodukt in nicht vor­gesehener Weise mit einer Druckluftpistole zerstäubt wurde.

Empfehlungen

Im Allgemeinen gefährden Aerosolsprays die Gesundheit nicht, wenn bei der Anwendung die vom Her­steller aufgeführten Sicherheitshinweise beachtet werden:
  • Den Sprühnebel nicht einatmen
  • Von Zündquellen fernhalten, keine Flammen erzeugen, nicht rauchen
  • In kurzen Intervallen verwenden, nicht über längere Zeit sprühen
  • Stets ausserhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren
Die Etikette ist die Identitätskarte des Produkts: sie enthält die wichtigsten Informationen zur Giftigkeit und zu den Anwendungsbedingungen.
Im Falle von Imprägniersprays wird zusätzlich empfohlen, diese immer im Freien oder nur in gut durch­lüfteten Räu­men zu verwenden, den Sprühnebel nicht einzuatmen und imprägnier­te Materialien draussen gut trock­nen zu lassen. Namentlich Personen mit Atemwegs­be­schwer­den sollten Im­präg­nierprodukte verwenden, die nicht versprüht werden (z.B. Im­präg­nierschäume) oder Texti­lien in che­mischen Reinigungen imprägnieren lassen.
Manuelle Zerstäuber (Sprühflaschen mit Pistolengriff oder Pumpsprays) erzeugen in der Regel Tröpfchen grösser als 100 Mikrometer, welche die Bronchien und Alveolen nicht errei­chen. Um die Belastung der Atem­wege zu verringern, wird Konsumentinnen und Konsumen­ten empfohlen, wenn möglich manuelle Zerstäuber oder flüssige Produkte statt Sprays zu verwenden. Fast alle als Spray erhältlichen Produkte sind auch in anderer Form erhältlich: Sticks, Deo-Roller, manuelle Zerstäuber, Haargel usw.

Regulierung

Die Verordnung des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) über Aerosolpackungen (SR 817.023.61) legt für Aerosolpackungen, die in den Geltungsbereich des Lebensmittelgesetzes fallen (SR 817.0) Einzelheiten zu den Behältern aus Glas, Metall oder Kunststoff fest und enthält eine Liste der zugelassenen Treibgase. Aus­serdem sind darin die massgebenden Vorschriften für eine korrekte Kenn­zeich­nung nach Chemikalienrecht aufgeführt. Die Anforderungen für das Inverkehrbringen von Aerosolpackungen, die nicht in den Geltungsbereich des Lebensmittelgesetztes fallen, sind in der Chemikalienverordnung (SR 813.11) geregelt.
Aerosolsprays befinden sich unter Druck und enthalten Lösungsmittel und Treibgase, die oft ent­zündlich sind. Diese Dosen sind deshalb mit einem Gefahrensymbol und Gefahrenhinweisen gekennzeichnet, welche auf den entzündlichen Inhalt und das höhere Entzündungsrisiko bei der Ver­sprühung des Produkts hinweisen.
Nach Anhang 2.12. der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (SR 814.81) ist darüber hinaus das Inverkehrbringen von Aerosolpackungen mit bestimmten Gefahreneigenschaften (bspw. giftige, ätzende Sprays) oder mit bestimmten Inhaltsstoffen (bspw. ozonschichtschädigende oder in der Luft stabile Stoffe) verboten.

[1] Im wissenschaftlichen Sinne wird mit Aerosol eine Suspension sehr feiner, fester, oder - häufiger - flüssiger Schwebeteilchen in einem Gas bezeichnet.
[2] 1 Nanometer = 10-9 Meter = 1 Milliardstel Meter
[3] 1 Mikrometer = 10-6 Meter = 1 Millionstel Meter
[4] Diese Lungenbläschen (Alveolen) befinden sich ganz am Ende der Atemwege, wo der Gasaustausch zwischen der Luft und dem Blut stattfindet. Ihre Aufgabe ist es, Sauerstoff ins Blut zu übertragen und Kohlendioxid daraus aufzunehmen.
[5] «Asthma and housework: a few home truths», http://dev.ersnet.org/uploads/Document/WEB_CHEMIN_92_1161865179.doc
[6] Lipoproteine enthalten Lipide (Fette), die eine sehr dünne Schicht auf der gesamten inneren Oberfläche der Lungenalveolen bilden. Dadurch wird der auf die Alveolenwände ausgeübte Druck aufgefangen und das Kollabieren der Alveolen verhindert.


Fachkontakt: bag-chem@bag.admin.ch
Zuletzt aktualisiert am: 22.08.2013

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Typ: PDF

22.08.2013 | 100 kb | PDF


http://www.bag.admin.ch/themen/chemikalien/00228/04394/index.html?lang=de